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Joachim F. W. Schneider “Konzert für Streichorchester” (”2. Ansbachisches Konzert” - UA 03.08. 2011 Bachwoche Ansbach)

„Komponieren schafft Leiden und lindert Leiden“. Mit diesem Satz beschreibt der 41-jährige, aus Ansbach stammende, in Würzburg an der Musikhochschule lehrende und in Aschaffenburg lebende Komponist  Joachim F.W. Schneider (nicht zu verwechseln mit dem Münchener Filmkomponisten und Tonsatzprofessor Norbert Jürgen „Enjott“ Schneider) sein Metier.

Am 3. August 2011wird als Auftragswerk des Intendanten der Bachwoche Ansbach sein „Konzert für Streichorchester – 2. Ansbachisches Konzert“ mit dem Münchener Kammerorchester unter der Leitung von Alexander Liebreich in der Orangerie uraufgeführt. Schneiders Werkkatalog umfasst 75 Werke, einschließlich mehrerer Neubearbeitungen, alle zwischen 1991 und 2011 entstanden. Zweiundzwanzig Kompositionen sind Auftragswerke, 10 bedeutende Preise und Ehrungen erhielt Joachim Schneider bisher für seine Musik.

In der Tat macht es sich der Musiker beim Komponieren ganz und gar nicht leicht. Ein Blick in verschiedene Partituren lässt erahnen, wie leidvoll  Entscheidungsprozesse bei der Entwicklung  musikalischer Zusammenhänge für ihn sein können, die von  einer lebendig-kreativen Intelligenz angetrieben werden. Schneiders Musik strahlt einen unabhängigen und unbedingten Qualitätsanspruch aus, der bewusst an hoch entwickelte akademische Traditionen anknüpft. Er geht seinen künstlerischen Weg ohne von außen auferlegte Zwänge, dem eigenen Anspruch abträgliche Kompromisse, seine Messlatte für musikalische Qualität sind nicht der aktuelle Publikumsgeschmack oder Verkaufszahlen, die Wiedergabe  gängiger Klischees oder die Befriedigung von Erwartungshaltungen und Erfüllung von Hörgewohnheiten. Schneider wünscht sich hingegen ein Publikum mit Interesse an Originärem, mit Bereitschaft zum aktiven, wissenden Zuhören, mit Neugierde, Fantasie und Aufgeschlossenheit für Klangvorstellungen. Wichtig ist für ihn nur das musikalische Werk- und Wert-Stück an sich und nicht dessen wirtschaftsstrategisch optimiertes Umfeld. Eine bewundernswerte Einstellung in der heutigen Zeit und gleichzeitig ein großartiges Privileg für einen modernen Musiker!

Jeder Einstieg in einen neuen kreativen Prozess, sprich jeder Beginn einer  Komposition ist für Joachim F.W. Schneider anders. Den Anfang  des      „2. Ansbachischen Konzerts“ prägte im Dezember 2010 die schwierige Umstellung von und Rückkehr aus der andersartigen Klang-Welt des vorangegangenen „Doppelkonzerts für Vierteltonakkordeon, Akkordeon und Streichorchester“ zum doch recht farblosen europäischen Halbtonsystem. Akribisch und beinahe pedantisch wurden Vorüberlegungen, Gedanken, Skalenbildungen, Akkordgestalten handschriftlich mit Bleistift in Skizzenbüchern gesammelt. Dies alles erinnert sehr an Anton (von) Weberns ausführliche 12-Tonreihen-Studien zur Vorbereitung eines neuen Werkes. Zwei der in Schneiders Skizzenbüchern notierten Gedankenblitze erkennt man dann im im April 2011 mit einem professionellen Notationsprogramm in perfektem Partitur-Layout fertiggestellten Konzert für Streichorchester auch wieder: „ausufernde Imitation“ (im Sinne von langgezogenen Kanons) und „weit ausladende Melodie“.

Im dem etwa 13minütigen, einsätzigen Werk durchläuft der Zuhörer vier verschiedene Klangräume und Struktur-Zonen:

Klangraum 1 ist ein ausgedehnter Doppelkanon, dessen erster Melodieteil eine vom Kontrabass ausgehende, treibende und virtuell mehrstimmig angelegte, seriell geprägte Tonfolge darstellt. Diese Tonfolge enthält eine kurze, hämmernde Sechzehntelfolge, die sich parallel zur Weiterführung der Kanonmelodie fast wie ein Virus immer mehr in der Kanonstruktur ausbreitet, sie beschleunigt und im Klangbild verändert. Als weiteres Melodieelement stellt Schneider über diese pulsierende Schicht eine weit ausgreifende, strahlende und rhythmisch gegensätzliche Violinlinie, die in der Fortentwicklung zur zweiten Kanonmelodie umgewandelt wird. Rasante Melodiebögen entwickeln sich aus dem „viralen“ Rhythmusmotiv, darunter auch die Anspielung auf ein  ähnliche Linienführung in Bachs 4. Brandenburgischem Konzert.

Klangraum 2 ist eigentlich ein langsamer Satz als integrierter Formteil und war Joachim Schneiders erste Klangidee: ein flimmernd-irisierender Schwebezustand sollte ursprünglich am Anfang des Konzerts stehen. Nun aber fungiert er als schimmernder Klangnebel, als Ruhepol nach treibend kontrapunktischer Hetzjagd.  Akkorde mit jeweils 2 Varianten bilden das materielle Grundgerüst diese Teils, aus  9 Akkorden entwickelte Schneider dann ebenfalls 9  Tonreihen mit ihren jeweiligen Umkehrungen. Sie bilden das grundständige Tonmaterial der gesamten Komposition. Schneider stellt hier schnelle Wechsel zwischen Flageolett und normal gegriffenen Noten gegeneinander, was ein faszinierendes Hörerlebnis zur Folge hat. Zwei wechselnde Farben leuchten abwechselnd aus der Klangwolke heraus. Sie spielen auf die beiden Akkorde an, die den denkbar kurzen Adagio-Verbindungsteil zwischen 1. und 3. Satz des 3. Brandenburgischen Konzerts von Johann Sebastian Bach  bilden. Außergewöhnliche Klangbilder sind bei Schneider nicht experimenteller Selbstzweck, sondern bewusstes Anwenden eines für akademisch professionell ausgebildete Musiker bekannten Repertoires, das Schneider bis an die Grenzen des noch Notierbaren auslotet. Seine Notationsweise ist bis ins kleinste Detail durchdacht und stellt den (allerdings hochkompetenten) Musiker nie vor unlösbare Aufgaben. Die Ausführung und Spielbarkeit ist zugleich Bestandteil des kreativen Prozesses.

Der ebenfalls nahtlos anschließende Klangraum 3 mutet an wie höchst fantasievoll musikalisierter Pointillismus; ein Prozess der Zersetzung in großräumig verteilte Klangpartikel,  klangfarbliche Zerstäubung setzt ein, von kurzen und abrupt-perkussiven Momenten der Stille durchbrochen. Auch hier geht Schneider mit seiner notationstechnischen Umsetzung an die Grenzen dessen, was klassische Notenschrift überhaupt zu leisten vermag.

Der letzte Klangraum, Teil 4 des Konzerts für Streichorchester zeigt am deutlichsten das anfangs erwähnte Ringen  zwischen einem von strukturellen Notwendigkeiten bestimmten Entwicklungsprozess und dem subjektiven Willen zur Fortführung fantasievoller Klanggebilde.   Zu Beginn des vierten Abschnitts des Konzerts kristallisiert sich ein deutlich auskomponierter Zwiespalt zwischen struktureller VERNUNFT und gleichzeitigem WIDERSTAND und SICH-DAGEGN-AUFLEHNEN heraus. Schneider  übernimmt zunächst die komplette rhythmische Anordnung des 3. Satzes des 3. Brandenburgischen Konzerts von Bach und überträgt die schon erwähnten 9 Tonreihen mit Umkehrungen auf diese Struktur, gleichzeitig unterlegt er gleichsam eine „innere Gegenstimme“  oder  zweite Ebene der widersprechenden klanglichen Selbstbehauptung  darunter, die sich aus Motiven der Partikelzerstäubung aus Teil 2 und dem „rhythmischen Virusmotiv“ aus dem ersten Teil speist.  Joachim F.W. Schneider stellt also in den Eckteilen seines „2. Ansbachischen Konzerts“ eindeutige Bachbezüge (Doppelkanon und Rhythmusstruktur des 3. Satzes des 3. Brandenburgischen Konzerts) in Spannungs-Beziehung zu seinen persönlichen, handwerklich höchst ausgeklügelten Klangverläufen in den Mittelteilen.  Man darf sehr gespannt sein auf die Interpretation des Werkes durch das Münchener Kammerorchester. Beim Studium der Partitur kommt man immer wieder zu der Erkenntnis, dass wirklich gute Musik weder gerecht noch demokratisch sein muss.

WOLFGANG PONADER

Gesprächskonzert IN UND UM BACH - Zeitungskritik Nordbayrische Nachrichten Forchheim

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